Typologie nach Dr. Lesch

Typologie nach Dr. Lesch 2017-02-15T15:38:42+00:00

Die vier Trinkertypen nach Dr. Lesch

TYP I

Allergie Modell

Schnell abhängig aufgrund der biologischen Vulnerabilität (Acetaldehydrogenase). Oft Spiegeltrinker Alkohol als Medikament gegen Entzugssymptome. Rasche Entwicklung der Toleranz.

Entzugssymptomatik:

Starker Entzug bereits nach 1 bis 2 Jahren Trinkdauer: Körperliche Unruhe, grobes Zittern, starkes Schwitzen, Schlafstörungen, Blutdruck und Herzfrequenz schwankend, Agitiertheit bis Unruhezustände, Delirium tremens, Entzuganfälle. Entzugsanfälle möglich am 1. oder 2. Tag nach Reduktion der Trinkmenge. Dauer der Entzugssym. längstens 5 Tage.

Psychologische Aspekte:

Keine Auffällige Kindheit. Keine wesentliche Persönlichkeitsstörung. Machtverhältnisse in dem Sozialsystem zu Ungunsten des Betroffenen.
Fürchtet den Trinkdruck der Umgebung. Möchte durch eine Gruppe gestützt werden.

Entzugsbehandlung:

Benzodiazepine mit anti-epileptischer Wirkung wie Valium, Librium, Distraneurin. Keine Beta-Blocker. Flüssigkeits- und Elektrolytersatz.

Medikamentöse Prophylaxe:

Campral (gegen Gusto (Craving“) bereits beim Entzug, mindestens 15 Monate. Antabus oder Colme bei hochmotivierten Betroffenen die unter Trinkdruck von außen stehen. Alcover (Alkoholersatzstoff) bei Rückfallen, die nur einige Tage dauern zur Verkürzung des Rückfalles. Revia (wirkt auf die Lust-zentren). Kurzfristig Benzodiazepine oder Antidepressiva (Trazodon) bei Unruhe und Schlafsstörungen (späte Abstinenzsyndrome). Dopaminantagonisten ehöhen die Rückfallgefahr.

TYP II

Konfliktlösungs-modell, Angst

Alkohol wird wegen seiner angstlösenden Wirkung und als Beruhigungsmittel in Konfliktsituationen eingesetzt. Biologische Vulnerabilität (erhöhte Aktivität der Monoaminooxydase) Unter Alkoholeinfluß Affektdurchbrüche, herabgesetzter Impulskontrolle, Persönlichkeitsveränderungen. Leichte Rückfälle („Slips“) ohne Kontrollverlust.
Ohne Therapie entwickeln sie Merkmale des Typs I, III und IV

Entzugssymptomatik:

Depressiv ängstliche Durchgangssymptome.
Anspannung (Blutdruck und Herzfrequenz erhöht).
Schwitzen in den Händen. Feinschlägiger Tremor.
Keine Entzuganfälle in der Vorgeschichte.
Keine schwere Polyneuropathie. Dauer der Sympt: ca. 10 Tage.

Psychologische Aspekte:

Ich-Schwäche, kann nicht „Nein“ sagen. Ungünstige Abgrenzungs-strategien. Depressive Persönlichkeits-struktur. Wenn sie keinen Alkohol haben, greifen sie zu Medikamenten Dominanten.
Alkohol bestimmt, wie eine eigene Person, die Interaktion in der Beziehung. Dominante/r PartnerIn „gibt den Betroffenen ab“ zur Therapie.

Entzugsbehandlung:

Anxiolytisch wirkende Substanzen, die nicht aus der
Benzodiazepinegruppe kommen, wie Delpral, Trittico, Alcover. Bei Benzodiazepinen Suchtgefahr.
Anti-epileptische Therapie nicht notwendig.

Medikamentöse Prophylaxe:

Campral. Aurorix (antidepressive Wirkung)
Trittico (anxiolytische und antidepressive Wirkung)
Delpral (Neuroleptikum)

TYP III

Alkohol als Antidepressivum

Alkohol wird als Stimmungs-aufheller /Schlafmittel mißbraucht. Alkohol verschlechtert den Antrieb, Stimmung und Schlaf. Biologische Vulnerabilität. Körpergefühl eher nur bei Schmerzen. Episodischer Trinkstil (oft im Spätherbst und Winter).
Abstinenz kann Monate anhalten.

Entzugssymptomatik:

Depressive oft auch ängstliche Symptomatik.
Leichte Entzugssymptomatik. Anspannung (Blutdruck und Herzfrequenz erhöht).
Feinschlägiger Tremor. Ein- und Durchschlafstörungen. Bei Rückfall Schuldgefühle und depressive Reaktion. Keine Entzuganfälle in der Vorgeschichte. Keine schwere Polyneuropathie. Dauer der Symp.: ca. 14 Tage

Psychologische Aspekte:

Starre Wertvorstellung. Zeitweilig schwere Stimmungsveränderungen. Hohe Leistungsansprüche an sich selbst.
Talente und Eigenschaften verkümmern.
Wenige „emotionale“ Freunde. Optimales Beruf-, Familien- und Kulturleben. Keine Zeit für emotionelles Wohlbefinden. Übernimmt rasch Führungsrolle. Sucht die Schuld bei den anderen. Glaubt alles besser zu wissen.
SM-Tendenzen möglich. Selten bereit, den Lebensstil zu verändern.

Entzugsbehandlung:

Anxiolytisch wirkende Substanzen, die nicht aus der Benzodiazepingruppe kommen.
Anti-epileptische Therapie nicht notwendig.

Medikamentöse Prophylaxe:

Bei endogenomorph-depressiven Episoden Lithium, Valproinsäure oder Carbamazepin. Trazodon, Doxepin bei Durchschlafsstörungen. Keine Neuroleptika (Erhöhung der SM-Gefahr). Je nach depres. Symptomatik: unterschiedliche Antidepressiva. Campral nur in Ausnahmefällen.

TYP IV

Alkohol als Gewöhnung

Trinken wird als „normal“ empfunden. Es besteht eine deutliche Leistungsreduktion durch voralkoholische Schäden. Leicht beeinflußbar, herabgesetzte Kritikfähigkeit.

Entzugssymptomatik:

Starke Entzugsymptomatik: deutliche Leistungsreduktion, Orientierungsstörungen, nächtlich deutlich stärkere psychische Symptomatik, Erinnerungsfälschungen, Halluzinationen, amentielles Zustandsbild, Epianfälle, Anfallsgefahr auch noch am 10. Tag der Abstinenz, oft Polyneuropathie, Blutdruck unauffällig, vegetativ stabil, leichtes Schwitzen, essentieller feinschlägiger Tremor. Die Rückbildung der Symptomatik kann Wochen bis Monaten dauern.

Psychologische Aspekte:

Mangelnde Impulskontrolle. Häufig sozial depraviert (Wohnungs-, Arbeitslos). Häufig sehr isoliert.
Tagesstruktur von den Treffpunkten im Trinkmilieu gekenzeichnet. Kindliche Verhaltensstörungen wie Nägelbeißen, Enuresis nocturna in der Abstinenz. Kein direkter Zusammenhang zwischen der Psycho-pathologie und dem Effekt von Alkohol. Kann seinen Alltag nur schwer gestalten.

Entzugsbehandlung:

Nootropika zur Besserung der kognitiven Leistung
Neuroleptika in niederer Dosierung bei produktiver Symptomatik und nächtliche Unruhe. Benzodiazepine in Ausnahmefällen.
Medikamente, die die Leistung beeinträchtigen, verstärken die Symptomatik, daher nach 5 Tagen Abstinenz, sollen die Psychopharmaka ausgeschlichen werden.

Medikamentöse Prophylaxe:

Nootropika, Antiepileptika für Anfälle unabhängig vom Trinkverhalten. B1 für die Polyneuropathie. Neuroleptika bei produktiven Durchgangssyndromen. Antidepressiva wie Trazodon oder tranquilisierende Antiepileptika (Valproinsäure) bei Unruhezuständen und Schlafstörungen.
Tranquilisierende Antiepileptika

Psychosoziale Therapieempfehlung nach Dr. Lesch

TYP I
Aufklärung
Stützung gegen den Trinkdruck, z.B. mit Rollenspiel
Selbsthilfegruppen wie AA.
Systemische Ansätze bei sozialen/familiären Macht-/Ohnmachtproblemen.
Miteinbeziehung des Partners ab der 5. Sitzung ist sinnvoll.
Keine spezifische Psychotherapie. Erst nach 6 Monaten Abstinenz ergeben sich psychotherapeutische Fragestellungen.
Ziel: Absolute Abstinenz ist notwendig und erreichbar.
Dauer der Begleitung: 2 Jahre
TYP II
Entängstigende Aufklärung – Motivation zur Therapie
Interaktive Prozesse bewußt machen.
Erlernen von Abgrenzungsstrategien.
Erkennung der Abhängigkeitsmechanismen in den Beziehungen
Selbsthilfegruppe zum Thema Angst. Führungsrollen annehmen.
Die Angst und nicht der Alkoholkonsum ist das Hauptthema der Therapie
Systemtherapie für die familiäre Konstellation – Kinder sollen miteinbezogen werden. PartnerIn leidet häufig an psychosomatischen oder psychiatrischen Beschwerden.
Ziel: ist die Stärkung der Persönlichkeit.
Dauer der Begleitung = Je nach psychotherapeutisch erreichtem Therapieziel.
TYP III
Aufklärung (primär kognitiv betont, später auf emotionelle Faktoren eingehen).
Intellektuelle Kontrolle reduzieren.
Erkennen seiner Rolle in der Interaktion (wird von den anderen als rasch mächtig erlebt).
Übernimmt bald die Führung der Gruppe.
Depression erkennen und bearbeiten. Körper bewußt wahrnehmen lernen und Abbau des Fassadenverhaltens sind die Hauptthemen der Therapie.
Systemmuster: PartnerIn oft ablehnend, mit averbalen Aggressionen, oft in schwacher Rolle, mit depressiven Zuständen, psychosomatischer Erkrankung oder Mißbrauch.
Systemischer Ansatz: Verarbeitung der Dimensionen Macht/Ohnmacht, verbale Dominanz / averbale Aggresion.
Ziel: ist die Reduktin der depressiven Episoden bzw. Symptomen.
Dauer der Begleitung = Mindestens 2 Jahre, je nach medizinischem bzw. psychotherapeutischem Erfolg.
TYP IV
Wiederholte, regelmäßige Aufklärung 1x pro Woche am fixen Tag, danach 1x pro Monat. Die persönliche Beziehung in der Betreuung ist sehr wichtig.
Üben einfacher Muster, um dem Trinkdruck zu widerstehen.
Selbsthilfegruppen, die Rückfälle akzeptieren, Schutz anbieten.
Kann keinen komplizierten Inhalten folgen, daher einfache Sätze mit suggestivem Inhalt.
Verhaltenstherapeutische Konzepte mit kleinen Schritten.
Sinnvolle Beschäftigung, geschütztes, stabiles Milieu. Geschütztes Wohnen, Einkommensregelung; SW. Kognitives Training, rasche Mobilisierung.
Ziel: ist die Verringerung des Schwergrades und der Frequenz der Rückfälle.
Dauer der Begleitung: oft ein Leben lang